Das große Krabbeln

Mittwoch, 02. Juli 2014

Der Nationalpark Donau-Auen ist bekannt für seinen enormen Artenreichtum – jetzt konnte eine Studie nachweisen, dass der Auwald auch bei den holzbewohnenden Käferarten zu den Hot-Spots der Vielfalt zählt.

Ergebnisse der Studie könnten auch für Wirtschaftswälder interessant sein, wo holzlebende Käfer meist mit „Schädling" assoziiert werden: In Wäldern, in denen Totholz belassen wird, steigt zwar einerseits die Vielfalt an verschiedenen Käferarten, es nimmt aber auch die Anzahl potentieller Fressfeinde zu – was das Risiko von Massenvermehrungen vermindert.
In einen einigermaßen naturnahen Wald kommt es durch herabfallende Äste oder durch umgestürzte Bäume zum Eintrag von Totholz. Dieses stellt einen wesentlichen Faktor des ökologischen Gleichgewichts in einen Wald dar und ist Lebensgrundlage für tausende Tier- und Pflanzenarten sowie Pilze, Flechten und Moose.

In einer Studie, die im Sommer 2012 von der Zoologin Mag. Kathrin Stürzenbaum im Nationalpark Donau-Auen, einem der letzten verbliebenen naturnahen Auwälder in Mitteleuropa, durchgeführt wurde, konnte erstmals die enorme Artenvielfalt an holzlebenden Käferarten nachgewiesen werden. Von insgesamt ca. 450 nachgewiesenen Käfern zählten 267 zu den xylobionten Arten (d.h. Insekten, die in irgendeiner Phase ihres Lebens auf Totholz angewiesen sind). Damit machen diese Käfer einen wesentlichen Anteil der Biodiversität von Wald-Ökosystemen aus – wobei es große Unterschiede in der Artenzusammensetzung gab, je nachdem, ob es sich um stehendes oder liegendes Totholz handelte. Die Baumkronen wiesen einen höheren Artenreichtum auf, während die Dichte der einzelnen Arten im Unterwuchs größer war. Die Studie ergab, dass der Artenreichtum an xylobionten Käfern im Nationalpark Donau-Auen einer der höchsten Werte ist, der in einem Auwald in Mitteleuropa je gemessen wurde.
Was aber bei den einen (den Biologen) Freude bereitet, ruft bei vielen anderen Waldbenützern (vom Spaziergänger bis zum Förster) oft Skepsis und Misstrauen hervor: „Käfer! – Sind das nicht alles Schädlinge?!"

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In den letzten Jahren fand eine intensive Diskussion über den Wert von Totholz im Wald statt. Unbestritten ist dabei nur, dass die Artenvielfalt generell im Wald steigt, wenn genügend Totholz vorhanden ist. Wobei kaum jemand etwas gegen einen höheren Bestand von diversen Singvögeln, Spechten, Fledermäusen, Mardern im Wald einzuwenden hat. Aber diese Tiere stehen an der Spitze einer Pyramide, die nur funktionieren kann, wenn an der Basis ein stabiles Nahrungsnetz vorhanden ist. Erst eine große Insekten-Vielfalt lockt wiederum die entsprechenden Räuber, wie Spechte und andere insektenfressende Vögel an.
Holzbewohnende Käfer tragen nicht zuletzt wesentlich zum Holzabbau bei und sorgen so für ein perfektes Recycling im Ökosystem Wald.

Totholz bietet aber auch Unterschlupf, Deckung, Schlaf- und Überwinterungsplatz sowie Brutgelegenheit für viele Tierarten, die nicht direkt am Holzabbau beteiligt sind: die Waldameise etwa siedelt ausschließlich in Totholz, Grabwespen und Wildbienen legen ihre Eier in vermodernden Stämmen ab. In den feuchten Stammteilen können sich Frösche, Kröten, Salamander und Schnecken zurückziehen, Greifvögel nutzen dürre Äste gerne als Ansitzwarten. In alten Spechtlöchern leben zahlreiche, teils farbenprächtige und oftmals sehr seltene Käferarten. Viele höhlenbrütende Singvogelarten können die Nistplätze nicht selber ausmeißeln und sind auf „Vormieter" wie z.B. Spechte angewiesen, und auch Säugetiere wie Siebenschläfer und Fledermäuse benötigen Baumhöhlen.
Schon geringe Unterschiede in der Holzdicke, Zersetzungsgrad, Bewuchs oder Besonnung schaffen zahlreiche Klein- und Kleinstlebensräume, in denen die verschiedensten Tier- und Pflanzen-Gemeinschaften Platz finden. Auch liegendes Totholz verbessert die Lebensbedingungen für viele Tiere: bodenlebenden Kleinsäugetieren bietet es Deckung und Nahrung – und lockt so wiederum kleine Raubtiere wie den Baummarder an, die ihrerseits als Jäger von Mäusen und Co. auftreten. Rund ein Fünftel aller Waldtiere hängen in irgendeiner Weise vom Totholz ab!
Untersuchungen haben ferner gezeigt, dass Wälder mit einem hohen Totholzanteil weniger oft von Massenvermehrungen einzelner Arten betroffen sind, als totholzarme Wälder. Denn die meisten Feinde dieser Arten leben ebenfalls im Totholz.
„Langsam kommt es auch in Wirtschaftswäldern zu einem Umdenken dahingehend, dass ein ‚unaufgeräumter Wald' mit viel Unterwuchs einerseits die Käferarten-Vielfalt steigert, das Risiko von Massenvermehrungen einiger forstlich relevanter Käfer aber vermindert", resümiert Stürzenbaum. Jetzt bedarf es nur noch ein bisschen Mutes, unsere Vorstellungen von Ordnung und dem perfekten Wald zu hinterfragen, und stattdessen an manchen Orten Natur wieder mehr Natur sein zu lassen.

Für Presserückfragen:
Nationalpark Donau-Auen GmbH
Mag. Erika Dorn, Pressebetreuung
Tel.: 02212/3450-26, e.dorn@donauauen.at
www.donauauen.at

Fotos: Eichenwidderbock/Sendor-Zeman, Naturwald/Kern.
Der Abdruck oder die digitale Verwendung ist unter Nennung der FotografInnen und im Zusammenhang mit Berichten über den Nationalpark Donau-Auen honorarfrei.


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